Gedanken zum 1. Advent

Das erwachsene Weihnachten zwischen Anspruch und Wirklichkeit11

Wenn ich ehrlich bin, war mir die Lust auf Weihnachten vergangen – wenn ich ehrlich bin zu mir und darüber, was aus dem Weihnachtsfest inzwischen für mich geworden ist. So viel verändert sich im Prozess des Erwachsen-Werdens und die Auswirkungen sind am allerbesten hier spürbar.
Zum einen gibt es äußere Faktoren: Als Kind sind Geburtstag und Weihnachten für die meisten die einzigen Möglichkeiten im Jahr teure Geschenke zu bekommen, die sich (die meisten) Kinder von ihrem Taschengeld niemals kaufen könnten. Selber müssen sie nichts schenken und wenn, dann ist es etwas selbst Gebasteltes oder ein Gedicht, manchmal vielleicht noch ein besonderes Verhalten, das vom Weihnachtsmann oder Christkind argwöhnisch beobachtet wird, bevor es Geschenke für das Kind geben wird. Dabei bleibt ihnen der Stress (ein Wort, dass ihr euch schon mal für später merken könnt) erspart, sich kreativ Gedanken darüber zu machen, was das richtige Geschenk für den Nächsten sein könne.
Ähnlich sind da noch andere Aspekte wie Ferien, gutes Essen, der Besuch von Weihnachts¬märkten oder vielleicht eines Theaters oder anderer Weihnachtsveranstaltungen… Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht, aber als Kind ist man in seiner Auswahl an Aktivitäten, die außerhalb des eigenen Hauses stattfinden extrem eingeschränkt. Mindestens 90 Prozent davon bestehen aus Schule und Freunde treffen, vielleicht noch sportlichen oder musischen Aktivitäten. Daneben ist das Weihnachtsfest wie eine unverhoffte Karamellader im Eisbecher.
Zusammengefasst kann man sagen: An Weihnachten werden dem Kind die Dinge gegeben, die es sich in seinem Kind-Sein selbst nicht geben kann. Logisch also, dass das Fest über die Jahre an seinem Reiz verliert. Daneben und vielleicht noch ausschlaggebender stehen die inneren Faktoren:
Als Kind dauerte die Vorweihnachtszeit für mich so lange, wie vier ganze Monate meines heutigen Lebens. Wenn ich mir vorstelle wie schmerzhaft es war die 24 Dezembertage abzuzählen – jedes Kalendertürchen fühlte sich an wie ein Glas Wasser nach einem Tagesmarsch durch die Wüste – und das mit meiner jetzigen Vorweihnachtszeit vergleiche, sind die Kalendertürchen heute eher kleine Tropfen auf einer viel zu steilen und kurzen Wasserrutsche. So kann ich mir Einsteins Zeitdilatation, die Ausdehnung der Zeit bei unfassbar schnellen Geschwindigkeiten, aus meinem Physikunterricht in der 10. Klasse nun doch irgendwie vorstellen. Nur, dass ich sie umgekehrt erlebe. Je länger man aber auf ein Essen warten muss, desto besser schmeckt es auch. Und genauso verhält es sich auch bei Festen.
Dazu kommt als innerer Faktor die Erinnerung: Menschen sind unglaublich schlechte Erinnerer wenn es um ihre alltägliche Gefühlswelt geht. Ich weiß zum Beispiel ganz genau, dass mich lange Phasen meiner Kindheit beinahe zu Tode geödet hätten, hätte mich meine Phantasie nicht unterhalten können. Wegen oben genannter Eingeschränktheit als Kind und in Ermangelung gleichaltriger Spielkameraden in meiner Nachbarschaft war ich lange, lange Strecken meiner Kindheit sehr einsam. Soweit das faktische Gedächtnis. Wenn ich allerdings an meine damalige Gefühlswelt zurückdenke, ergibt sich ein komplett anderes Bild: Wie in einer RTL-Assi-Sendung wird das vorhandene Material so zusammengeschnipselt und -geklebt, dass ein ganz anderes, falsches Bild entsteht, nämlich das einer perfekten und erfüllten Kindheit. Die Tage an denen ich faul zuhause gelegen bin verschwinden und Erinnerungen an Schlittenfahren, Eislaufen und Wandern bleiben zurück, um mich irgendwann einmal sagen zu lassen: “Also in eurem Alter war ich viel öfter draußen unterwegs und hatte dabei doppelt so viel Spaß wie ihr hier drinnen!“ Ist ja auch irgendwie logisch, warum sollte man denn langweilige Alltagserlebnisse in Erinnerung behalten?
Wenn das Gehirn solche Erinnerungen ausscheidet und die schönen behält, nennt man das Gefühl, welches wir dabei haben Nostalgie. Nach Liebe wahrscheinlich eines der schönsten Gefühle, das wir kennen. Immerhin hat sie oft genug damit zu tun. Genauso wie Weihnachten, das sich für diese Nostalgie ganz besonders gut anbietet.
Die Geschenke, all die schönen Unternehmungen, das lange Warten und bestimmt mindestens fünf andere Dinge, die ich hier vergessen habe, machen Weihnachten in der Kindheit zu einem wahrhaft wundervollen Fest. Die Nostalgie macht es dann in unseren Köpfen perfekt. Medien und Industrie spinnen ein Netz, welches diese Idee auffängt, weitertreibt und verstärkt, um sie als Kaufmotivation nutzen zu können.
Und diese Idee von Perfektion ist der schlimmste Feind des Weihnachtsfestes im Erwachsenenalter. Denn Weihnachten lässt sich hier einfach nicht mehr so erleben wie als Kind. Zu viel hat sich verändert, die teuren Geschenke von damals sind entweder banal oder nutzlos geworden, die Unternehmungen verhältnismäßig normal und vertraut, die Zeit schneller. Dazu kommen Verantwortungen als Erwachsener und der Organisationsstress, der hauptsächlich dadurch überhaupt erst entsteht, dass man das Fest so perfekt wie möglich machen möchte. Der Stress, der das Fest noch weiter von der Perfektion wegrückt, als alles andere zusammen. Es ist wie der verzweifelte Versuch Kontakt zu einer Verflossenen aufzubauen, die durch das aufdringliche Verhalten nur noch abgeschreckter und distanzierter wird.
Das schönste, bestmöglichste Weihnachtsfest kann also nur erreicht werden, wenn man sich vom Anspruch eines perfekten Weihnachten wie zu Kindertagen verabschiedet. Dabei kann man natürlich nostalgisch in Erinnerungen schwelgen, man sollte diese Erinnerungen nur nicht mit einem realistischen Ziel verwechseln. Wenn man dem Weihnachtsfest im Zeichen der Leichtigkeit, der Ruhe und Unbeschwertheit, aber vor allem der Liebe begegnet und keine weihnachtliche Sache aus irgendeinem anderen Grund als der reinen Lust begeht, dann kann die Geburt Christi wieder ein sinnliches Fest werden.
Für manch einen ist diese Botschaft nichts Anderes als altes Brot. Allerdings gelingen bestimmte Dinge im Leben nur bei stetiger Wiederholung und die Gewöhnung an ein neues Weihnachtsbild halte ich für einen Prozess, der wiederholter Erinnerung bedarf.
Glücklich sind die, die Weihnachten wie Kinder erleben können und von Gott gesegnet die, die ihr neues Weihnachten gefunden haben. Allen anderen steht er bei ihrer Suche bei, wenn sie es wirklich finden wollen.
Ich selber bin noch auf der Suche und hoffe, ich habe irgendjemandem bei seiner eigenen geholfen. Denjenigen, die noch suchen, wünsche ich viel Glück bei ihrem Unterfangen und allen zusammen eine schöne Vorweihnachtszeit.
Amen.

Autor: Jannick Tröbs, FSJler bei der Evangelischen Jugend im Donaudekanat Regensburg